Bad Gandersheim
Im „Außenkommando Brunshausen, Apparatebau, Werk A“ bei Bad Gandersheim mussten ab Oktober 1944 durchschnittlich 520 bis 550 männliche Häftlinge Zwangsarbeit für den Rüstungsbetrieb Ernst Heinkel AG leisten. Untergebracht waren die Gefangenen unter katastrophalen Bedingungen zunächst in der ehemaligen Klosterkirche Brunshausen, später in einem Barackenlager. Nachweislich mindestens 28 Männer kamen ums Leben. Am Morgen des 4. Aprils 1945 wurden 40 nicht marschierfähige Männer erschossen, die übrigen 480 Männer auf einen Todesmarsch getrieben und zahllose unterwegs ermordet.
Historische Situation
Gegründet
2. Oktober 1944
Aufgelöst
4. April 1945
Häftlinge
Männerlager
Maximale Anzahl der Häftlinge
550
Gedenkzeichen
Art des/der Gedenkzeichen(s)
Ausstellung, Gedenktafel, Informationstafel, Mahnmal
Anmerkungen zum Standort
Auf dem Salzbergfriedhof erinnert eine Gedenktafel an die 40 erschossenen Häftlinge aus dem Clus-Wäldchen, die dort 1946 beigesetzt wurden. Die (vermuteten) Opfer sind dort namentlich aufgeführt. Neben dem Rosenrondell beginnt der „Robert-Antelme-Weg“. Dieser wurde 2002 in Gegenwart von Gigi und Pierre Texier eingeweiht und führt bis zur Erschießungsstelle im Clus-Wäldchen. Am Einstieg in den Weg befindet sich eine Tafel mit einer kurzen Lebensbeschreibung von Robert Antelme. An der Erschießungsstelle im Clus-Wäldchen befindet sich ein Holzkreuz mit der Inschrift: „Zu krank für den Abmarsch bei der Auflösung des KZ Brunshausen wurden am 4.4.1945 hier 40 Häftlinge erschossen. Sie liegen auf dem Salzbergfriedhof Bad Gandersheim.“ An der Außenseite des Klosterkirche in Brunshausen befindet sich eine Bronzetafel, die u. a. an die Zeit Brunshausens als Buchenwald-Außenkommando erinnert. Vor der Kirche, auf dem damaligen Appellplatz, ist ein Rosenbeet angelegt, in deren Mitte sich ein großer Findling befindet. Auf einer Bronzetafel an dem Stein ist ein zusammengekauerter Mensch hinter Stacheldraht zu sehen, darunter die mahnende Inschrift „Vergesst nicht“. In den Räumlichkeiten des Klosters Brunshausen ist die Dauerausstellung „Portal zur Geschichte“ untergebracht, die sich mehr mit der mittelalterlichen Bedeutung des Ortes und des „Freien Reichsstiftes Gandersheim“ befaßt. Nur ein kleiner Teil der Ausstellung befasst sich mit der NS-Vergangenheit des Klosters. An der Stelle der Heinkel-Produktionshallen befindet sich heute mit der Auer Lighting GmbH, ein Hightech-Unternehmen der Glasindustrie. Auch wenn sich noch teilweise Gebäudeteile aus der Zeit finden lassen, ist eine nachvollziehbare Betrachtung der damaligen Verhältnisse nur schwer möglich.
Portal zur Geschichte e. V.
Das ehemalige Kloster Brunshausen in Bad Gandersheim ist ein Ort mit langer Tradition und ein Schauplatz nationalsozialistischer Gewalt. 1944/45 richteten die Nationalsozialisten in der verfallenen Klosterkirche ein Außenlager des KZ Buchenwald ein. Bis zu 584 Häftlinge waren hier unter extremen, lebensbedrohlichen Bedingungen untergebracht und mussten Zwangsarbeit für den Rostocker Rüstungsbetrieb Ernst Heinkel AG leisten. Am 4. April 1945 wurden die Überlebenden auf einen Todesmarsch in Richtung des KZ Dachau geschickt. 40 nicht mehr gehfähige Gefangene wurden im Wald nahe Brunshausen erschossen.
Die frühmittelalterlichen Ursprünge Brunshausens – eines im 9. Jahrhundert gegründeten Frauenstifts der Liudolfinger – bilden lediglich den historischen Rahmen. Nach Reformation und barocker Umgestaltung blieb die Anlage über Jahrhunderte ein Ort geistlichen und kulturellen Lebens, mit wechselnder Bedeutung und Nutzung, bevor sie 1810 säkularisiert wurde.
Nach 1945 dauerte es lange, bis die Geschichte des Außenlagers öffentlich aufgearbeitet wurde. Erst in den späten 1970er Jahren rückten die Schicksale der Häftlinge stärker ins Bewusstsein, etwa durch Besuche ehemaliger französischer Gefangener. 1985 wurde nach intensiven Diskussionen eine Gedenktafel an der Klosterkirche angebracht. Seit 1987 befindet sich das Kloster im Besitz der Stadt Bad Gandersheim.
Der „Robert‑Antelme‑Weg“ markiert heute den Weg zur Erschießungsstelle vom 4. April 1945, an der ein Gedenkkreuz an die Opfer erinnert. Mit der jährlichen Gedenkfeier am 4. April – inzwischen gemeinsam mit den örtlichen Schulen gestaltet – ist das Erinnern fest im städtischen Leben verankert. Kulturelle und wissenschaftliche Projekte vertiefen die Auseinandersetzung: Theateraufführungen, auch in Kooperation mit den Gandersheimer Domfestspielen, Publikationen und die Erneuerung des Mahnmals auf dem Salzbergfriedhof 2006 setzen wichtige Impulse.
Seit 2007 ist in Teilen des ehemaligen Klosters das Museumsprojekt Portal zur Geschichte e.V. angesiedelt, das sich der historischen Bildung und der Förderung des kulturellen Lebens widmet.
2022 wurden zu den bereits in der Stadt verlegten neun Stolpersteinen weitere 18 Steine am Kloster Brunshausen gesetzt. Sie erinnern an die Kinder, die in der sogenannten „Kinderpflegestätte“ während der letzten Kriegsmonate ums Leben kamen. Im Rahmen eines gemeinsamen Projekts der Oberschule Bad Gandersheim und des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge entstand zudem auf dem Salzbergfriedhof eine Gedenk‑ und Informationstafel, die diesen Opfern erstmals einen sichtbaren Ort des Erinnerns gibt.
Die Ausstellung „Es ging uns darum, am Leben zu bleiben“ (2025) stellte die Erfahrungen der KZ‑Häftlinge in den Mittelpunkt. Grundlage war unter anderem der Bericht des französischen Überlebenden Robert Antelme, dessen eindringliche Schilderungen die Unmenschlichkeit des Lageralltags dokumentieren. Zur Ausstellung ist zudem eine Begleitbroschüre erschienen, die zentrale Inhalte vertieft und historische Hintergründe kompakt zusammenfasst.
Aktuell dokumentiert Portal zur Geschichte Zeitzeugengespräche, die künftig in einen neuen Stadtrundgang einfließen sollen. Außerdem entsteht eine vollständige Zusammenstellung der in Bad Gandersheim eingesetzten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, um ihre Namen erstmals geschlossen zu erfassen und sichtbar zu machen.
Autor*in: Ulla Feiste
Kontakt
Brunshausen 7 37581 Bad Gandersheim
05382 955647 info@portal-zur-geschichte.de www.portal-zur-geschichte.de
Hinweise zum Besuch
Anfahrt:
Auto: Abfahrt Seesen oder Echte (B 64)
Öffentliche Verkehrsmittel: RB 82 Bad Gandersheim
Fahrrad: Skulpturen-Weg als Teilstrecke des Radweg-zur-Kunst
Öffnungszeiten:
Donnerstag bis Sonntag: 13:00 bis 17:00 Uhr
Öffentliche Führungen finden jeweils samstags und sonntags um 14:00 Uhr statt.
Besondere Themenführungen zur NS-Zeit und zur Ausstellung „Es ging uns darum, am Leben zu bleiben“ entnehmen Sie bitte der Homepage.
Termine
Aktuelle Veranstaltungen wie Rundgänge und Vorträge finden Sie auf der Homepage vom Portal zur Geschichte e. V.: www.portal-zur-geschichte.de
Kontakt zum Förderverein Buchenwald
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