Wernigerode
Bereits 1941 wurde in Wernigerode ein Zwangsarbeitslager eingerichtet, das im März 1943 in ein Männeraußenlager des KZ Buchenwald umfunktioniert wurde. Hauptauftraggeber war die Rautal-Werke GmbH. Von den etwa 800 Häftlingen, überwiegend Polen, Russen, Tschechen und Südslawen, kamen mindestens zwölf ums Leben. Die Lagerführung ließ jedoch regelmäßig kranke, nicht mehr arbeitsfähige Menschen in das Hauptlager Buchenwald bringen, sodass von einer höheren Sterblichkeitsrate ausgegangen werden muss. Am 24. Oktober 1943 kam es zu einer öffentlichen Hinrichtung von sechs Männern, denen vorgeworfen wurde, einen Aufstand geplant zu haben. Im Dezember 1944 wurde das Lager aufgelöst und die in dem Rautal-Werk zur Zwangsarbeit eingesetzten Männer wurden in die Außenlager Schönebeck und Hasserode verlegt sowie in das Hauptlager Buchenwald zurückverlegt.
Historische Situation
Gegründet
25. März 1943
Aufgelöst
22. Dezember 1944
Bereits 1941 wurde am Veckenstedter Weg in Wernigerode ein Arbeitslager für ca. 300 „zivile“ Zwangsarbeiter errichtet. Im März 1943 wurde dieses Zwangsarbeiterlager aufgelöst, in ein Außenlager des KZ Buchenwald umfunktioniert und fortan unter der Tarnbezeichnung „Richard“ geführt. Im November 1944 mussten die Häftlinge in Hasserode („Steinerne Renne“) ein Außenkommando errichten, da auch dort Fabriken für die Rüstungsproduktion ausgebaut worden waren. Bis zum Dezember 1944 wurde der größte Teil der Häftlinge vom Veckenstedter Weg dorthin überstellt und das frühere Lager Ende des Jahres 1944 offiziell aufgelöst.
Häftlinge
Männerlager
Maximale Anzahl der Häftlinge
800
Gedenkzeichen
Art des/der Gedenkzeichen(s)
Ausstellung, Gedenktafel, Mahnmal
Mahn- und Gedenkstätte „Veckenstedter Weg“ Wernigerode
Die Mahn- und Gedenkstätte „Veckenstedter Weg“ in Wernigerode ist ein einzigartiger Zeuge der nationalsozialistischen Terrorherrschaft im Dritten Reich. Die ungewöhnlich hohe Zahl original erhaltener Bauhüllen sowie der erhaltene Baukubus machen den Standort bundesweit besonders. Träger der Einrichtung ist der Landkreis Harz.
Die Gedenkstätte entstand zwischen 1970 und 1975. Ausschlaggebend waren vor allem die Bemühungen ehemaliger KZ-Häftlinge, insbesondere des früheren Lagerältesten Hugo Launicke. Nach einem Besuch des ehemaligen Häftlings Sergej Rappoport im Jahr 1969 fiel die Entscheidung, am historischen Ort eine Gedenkstätte einzurichten. Als Mitglied der Moskauer Gebietsleitung der KPdSU besuchte Sergej Rappoport, auf Einladung seines alten Freundes Launicke, den Ort seines Leidens von 1943 bis 1944 und brachte sein Unverständnis über den schlechten Zustand des Ortes zum Ausdruck. Nach ersten Planungen und Verzögerungen wurde sie am 9. Mai 1975 eröffnet.
Doch es war kein Ort des Gedenkens an all die ermordeten oder zu Tode gekommenen KZ-Häftlinge, sondern vor allem eine politische Bildungsstätte. Der Untertitel „ein Museum der Geschichte der deutschen Arbeiterklasse“ machte den Anspruch der Gedenkstätte aus, den Machtanspruch der Arbeiterklasse unter der Führung der SED geschichtlich notwendig zu untermauern. Es war in der Ideologie der SED-Führung der Widerstandskampf der Sowjetmacht und der deutschen Kommunisten, der zum Sieg über die Hitlerdiktatur geführt hat. Der Alltag der Gedenkarbeit war geprägt durch staatlich verordnete Gedenkveranstaltungen, breit angelegte Führungsangebote und die Nutzung für politische Schulungen. Für einen großen Teil der 50-55 Tausend galt die Pflicht zur Teilnahme, nicht die innere Überzeugung. Es gab eine Mischung von Repressionen (bei Nichterscheinen) und Belohnung (Teilnahme).
Nach 1989 wurde der Weg frei für eine grundlegende Neuausrichtung als Ort des würdigen Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Mit Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt wurden zwischen 1992 und 1996 wichtige Sanierungsarbeiten an mehreren Baracken durchgeführt. Zudem entstanden Archiv-, Lese- und Schülerräume. Auch die Dauerausstellung wurde zunächst 1990 und anschließend 1994 umfassend überarbeitet.
Seit 2010 intensivierte die Gedenkstätte ihre historische Forschungsarbeit. In Zusammenarbeit mit der TU Braunschweig und gefördert durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur wurde das Wirken der Kapos im hiesigen Außenkommando untersucht. Neue Funde in den Arolsen Archives ermöglichten 2020 die Erstellung eines Gedenkbuchs aus Aluminium, in dem Besucherinnen und Besucher die namentlich bekannten Häftlinge nachlesen können.
2014/15 wurden Ausstellung und Außengelände grundlegend neugestaltet. Ziel war es, die historische Situation des Lagers stärker erfahrbar zu machen. Am 20. Januar 2026 konnte zudem eine neue Gedenkanlage eingeweiht werden. Im Zentrum steht eine Grabplatte mit den Namen jener Häftlinge, die im Lager, während der Arbeit oder an deren Folgen starben.
Die Gedenkstätte arbeitet eng mit regionalen Initiativen und Vereinen zusammen, darunter der Wernigeröder Geschichts- und Heimatverein sowie Spurensuche Harzregion e. V. Letztlich verfügt die Gedenkstätte mit der Einrichtung der Geschäftsstelle des Vereins „Lebensspuren e. V. – Interessengemeinschaft der „Lebensbornkinder“ und anderer zwangsweise von ihren Familien getrennter Kinder in Deutschland“ und der Unterbringung des Archivs und der Handbibliothek in der Gedenkstätte über ein weiteres Herausstellungsmerkmal.
Leider konnte sich die Gedenkstättenstiftung des Landes Sachsen-Anhalt bis heute nicht dazu durchringen, diese so wertvolle Einrichtung in ihren Verantwortungsbereich zu übernehmen. Würde die Einrichtung doch das bisher völlig vernachlässigte Thema „Zwangsarbeit“ einbringen können. In den Bundesländern Thüringen, Sachsen, Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ist man da schon weiter.
Autor*in: Matthias Meißner
Kontakt
Mahn- und Gedenkstätte „Veckenstedter Weg“ Wernigerode Veckenstedter Weg 43 38855 Wernigerode
Hinweise zum Besuch
Öffnungszeiten
April-Oktober: Mo-Fr von 09:00-17:00 Uhr, November-März: Mo-Fr von 09:00-15:00 Uhr
(außerhalb dieser Zeiten Führungen nach tel. Vereinbarung)
Ausstellung und Angebote
- freier Eintritt
- Dauerausstellung zur Historie des Lagers am Veckenstedter Weg zweisprachig (de und engl.)
- drei Schauräume mit überwiegend originaler Ausstattung zur Darstellung der Lebensbe-
dingungen der Häftlinge - begleitete Schülerprojekte
- Archiv mit Dokumenten über das ehemalige Lager sowie zur Thematik „Zwangsarbeit“ in
Wernigerode und Umgebung für Forschungen und Projektarbeit - kleine Bibliothek mit Literatur zu den Themen, Holocaust, KZ, Widerstand, 2. Weltkrieg und
Geschichte des »Dritten Reiches« (ca. 2.000 Bde) - Sonderausstellung über die Verschleppung und die Zwangsarbeit slowenischer Bürger von
1941-1945 - Führungen nach Voranmeldung auch an Feier- und Wochenendtagen
- Erwerb von Publikationen über das ehemalige Lager am Veckenstedter Weg sowie die
Arbeitslager in Wernigerode und Umgebung
Anfahrt mit dem Pkw
- B 6n, Abfahrt Nord, Richtung Wernigerode über die Gauss-Straße, den Kreisel am Ende
der Straße an der zweiten Ausfahrt in Richtung „Harzblick/Charlottenlust“ verlassen, nach
100 m ist vor dem nächsten Kreisel auf der linken Seite die Einfahrt - alte B 6 aus Ilsenburg kommend den beschrankten Bahnübergang passieren und der
Hauptstraße Richtung Zentrum folgen, an der zweiten Ampelkreuzung links einordnen
und abbiegen, dem Straßenverlauf folgen und an der ersten Ausfahrt des Kreisels in
Richtung „Harzblick/Charlottenlust“ verlassen, nach 100 Metern ist vor dem nächsten
Kreisel auf der linken Seite die Einfahrt - B 244, dem Straßenverlauf folgen und an der ersten Ausfahrt des Kreisels in Richtung
„Gewerbegebiet“ verlassen, der Hauptstraße bis zum nächsten Kreisel folgen, diesen an
der zweiten Ausfahrt verlassen, über die Ampelkreuzung gerade aus und nach 50 Metern
rechts abbiegen, den folgenden Kreisel („Zaunwiese“) an der zweiten Ausfahrt verlassen
und nach 50 Metern rechts in die Zufahrt abbiegen
Busverkehr
mit den Linien 3 und 4, Haltestelle „Zaunwiese“, gegenüber dem „Bürgerpark“
Weiterführende Informationen
Förderkreis. Spuren des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus im Harzkreis. Wernigerode 2011 Förderkreis. Das Ende eines tiefen Falls. Wernigerode in den Jahren 1944-1946. Wernigerode 2016 Matthias Meißner. Der Profit im und mit dem Krieg. Zwangsarbeitslager und KZ-Außenkommandos in Wernigerode. Wernigerode 2018 Mark Homann. Jenseits des Mythos. Die Geschichte(n) des Buchenwald-Aussenkommandos Wernigerode und seiner „Roten Kapos“. Metropol-Verlag 2020 Wolfgang Dannheim. Vom Lager zur Gedenkstätte. Vom Lager zur Gedenkstätte. Wernigerode 2022 Ludwig Hoffmann. Die Mahn- und Gedenkstätte Wernigerode im Wandel der Zeiten. Wernigerode 2022 Darüber gibt es den Gedenkstättenflyer in neun Sprachen (de, engl., franz., ital., poln., ukr., russ., niederl. Und dän.), einen Flyer zum Denkmal (Bronzeplastik) und einen Flyer zur Gedenkwand (jeweils in deutscher Sprache)
Termine
27.01. Kranzniederlegung zum Holocaust-Gedenktag
2. Sonntag im September – Tag des offenen Denkmals
Kontakt zum Förderverein Buchenwald
Für Fragen, Hinweise oder Ergänzungen wenden Sie sich bitte an:
Förderverein Buchenwald
Schwanseestraße 143
99427 Weimar
03643 747540
info@foerderverein-buchenwald.de
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